Die Martinswand

Dort, wo der Staufen steil nach Eppstein abfällt, hauste einst ein Riese, der hieß Martinus. Er hatte nur ein Auge, das saß mitten auf der Stirn. Immer war er hungrig. Er konnte einen am Spieß gebratenen Ochsen ganz allein verschlingen und trank ein Fass Wein in einem Zug leer.

Die Bergmännchen mussten für ihn arbeiten. Jeden Tag krochen sie in den Berg und lieferten ihm abends hundert Goldkörnchen ab. Fehlte nur ein Körnchen, so bestrafte sie Martinus hart. Manchmal schleuderte er ein Bergmännchen, das sein Soll nicht erfüllt hatte, die Staufenwand hinab, wo es elendig sterben musste.

Dies war gerade einem der Ältesten der Zwerge geschehen. Die Bergmännchen sannen auf Rache. Eines Tages lieferten alle dem Riesen nur neunundneunzig Körnchen ab. Der Riese schnaubte vor Wut. Aber er konnte nicht alle Männchen den Berg hinunter stoßen.

An seinem Geburtstag feierten sie scheinbar freundlich mit ihm, doch in Wirklichkeit warteten sie nur darauf, dass Martinus sich betrank und einschlief. Als es so weit war, stülpten sie ihm ein Netz aus geflochtenen Zweigen und Bast über. Der Riese erwachte. Er konnte sich aus eigener Kraft nicht aus dem Netz befreien. Da versprach er den Zwergen ein besseres Leben, wenn sie ihm halfen, aber die Bergmännchen rollten ihn bis zu der Steilwand und stürzten ihn hinunter.

Heute gibt es die Staufenzwerge nicht mehr. Doch die Bergwand heißt immer noch Martinswand.

Nachzulesen in den „Kelkheimer Märchen und Sagen“ von Uta Franck (Verlag Blei§Guba, Hofheim 1997) oder im „Taunus-Sagenschatz“ erzählt von Helmut Bode (Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt a. M. 1986)

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