Die Sage von der blauen Glockenblume

 

Alle hundert Jahre, so wird erzählt, blüht auf dem Rossert eine blaue Glockenblume, mit der es eine besondere Bewandtnis hat. Wer sie findet, kann mit ihr den Berg öffnen.

Ein Mädchen aus Eppenhain entdeckte diese wunderbare Blume, pflückte sie und schloss mit ihr den Rossert auf. In der Höhle sah es eine Jungfrau, die war angekettet. „Nimm dir von dem Gold und den Edelsteinen, so viel wie deine Schürze trägt“, sprach die Jungfrau. Das Mädchen ließ die Glockenblume fallen und griff nach den edlen Steinen und den Goldstückchen. Als es seine Schürze gefüllt hatte, fragte es die Jungfrau, weshalb sie angekettet sei. Die Jungfrau antwortete nicht. Sie schwieg.

Dem Mädchen wurde es unheimlich. Es wollte so schnell wie möglich aus der Höhle heraus. Doch ein Wichtelmännchen vertrat ihm den Weg. „Das Wichtigste hast du vergessen“, sagte es ernst. Das Mädchen achtete nicht auf die Worte des Zwerges. Es hastete auf den Ausgang zu. Dort sprach das Wichtelmännchen ein zweites Mal. „Das Wichtigste hast du vergessen.“

Das Mädchen hörte nicht auf ihn und trat ins Freie. Der Berg schloss sich. „Du hast die Glockenblume vergessen.“ Das Wichtelmännchen schüttelte den Kopf. „Die Glockenblume wäre eine Springwurzel geworden. Mit ihr hättest du für immer den Schlüssel zum Rossert gehabt. Auch die angekettete Jungfrau hättest du mit der Zeit erlösen können. Nun dauert es wieder hundert Jahre, bis die blaue Glockenblume blüht.“

Damit verschwand das Wichtelmännchen. Das Mädchen aus Eppenhain schaute in seine Schürze. Steine und Scherben lagen darin.

Diese Sage kannst Du in den „Kelkheimer Märchen und Sagen“ von Uta Franck (Verlag Blei&Guba, Hofheim 1997) oder im „Taunus-Sagenschatz“ erzählt von Helmut Bode (Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt a. M. 1986) nachlesen.

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